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Han Han über “Revolution”, “Demokratie”, “Freiheit”

Rund um die Wintersonnenwende hat Han Han, Superblogger, Schriftsteller und Rennfahrer, auf seinem Blog drei Artikel über “Revolution”, “Demokratie” und “Freiheit” veröffentlicht, in denen er erstmals seine Gedanken zu diesen Fragen systematisch (in Form von an sich selbst gestellten Fragen /Antworten) veröffentlicht und die unter den Netizens eine heftige Debatte ausgelöst haben. (Zur gleichen Zeit wurden andere Aktivisten wie der Schriftsteller Chen Wei oder der Aktivistenveteran Chen Xi für ähnliche Äußerungen in Online-Medien zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.) Damit wurde die Debatte über die Zukunft Chinas aus der akademischen Sphäre bzw. aus dem Kreis der Dissidenten hinaus in die Microblogging-Sphäre getragen. Zhang Yiwu von der Peking University streicht heraus, dass der einfache Bürger Han Han mit seinen Reflektionen über die Entwicklung Chinas in den letzten 30 Jahren  die Ideologien von Rechts und Links (die jeweils die Entwicklungen falsch vorausgesagt haben) hinter sich lässt und sich von derartigen Beschränkungen freimacht und damit ein Vorbild für die “Intellektuellen” sein könnte (siehe seinen Artikel hier).

John Kennedy hat die wichtigsten Reaktionen auf Sina Weibo für Global Voices hier zusammengefasst.

Die drei Texte hier in meiner deutschen Übersetzung: Über Revolution, Über Demokratie, Über Freiheit

Han Han: Über Freiheit

Chinesische Originalfassung: Han Hans Blog

In „Über Revolution“ habe ich gesagt, dass jeder Mensch eine andere Form von Freiheit anstrebt. In „Über Demokratie“ habe ich gesagt, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein Prozess des Verhandelns sind. Zu Weihnachten kann es noch so viele Preisnachlässe geben, aber gratis werden die Geschenke nicht sein. Also beginne ich jetzt mit meinen Verhandlungen.

Zuerst verlange ich als Kulturschaffender im neuen Jahr mehr Freiheit für meine kreative Arbeit. Dass ich das nie als xx-Freiheit oder yy-Freiheit beschrieben habe, liegt daran, dass diese beiden Begriffe einem unbewusst Angst machen und wachsam werden lassen. Auch wenn diese Freiheiten von der Verfassung garantiert sind, wurden sie bis jetzt nie wirklich richtig umgesetzt. Gleichzeitig will ich – im Namen meiner Kollegen – auch ein paar Freiheiten für die Medien fordern. Die Medien sind nach wie vor streng kontrolliert. Und da sind noch meine Freunde aus der Filmbranche. Sie können sich nicht vorstellen, wie sie leiden. Die Arbeit im Kulturbereich ähnelt einem Gang durch ein Minenfeld: Wenn man auf eine Mine tritt, wird man in Stücke gerissen. Und wenn man nicht auf eine Mine treten will, muss man langsam gehen und Umwege machen. Diese Freiheiten sind aber ein Trend unserer Zeit. Sie haben sie uns versprochen. Ich weiß, dass Sie den Fall der Sowjetischen KP studiert haben und glauben, der Fall der Sowjetunion sei zum Großteil darauf zurückzuführen, dass Gorbatschow die Pressezensur gelockert und die höchste Macht verfassungskonform von der Partei an die Volksvertretung übergeben hat. Das lässt Sie hinsichtlich Pressefreiheit und Verfassungsfragen besonders vorsichtig sein.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die modernen Kommunikationstechnologien haben Zensur sinnlos gemacht. Die Restriktionen im Kulturbereich verhindern, dass die chinesische Literatur oder das chinesische Kino internationale Bedeutung erlangen. Und wir Kulturschaffende können nicht stolz auf uns sein. Gleichzeitig hat China auch keine international einflussreichen Medien, denn viele Dinge können auch mit viel Geld nicht gekauft werden. Kultureller Reichtum ist in Wirklichkeit ganz billig zu haben: Je weniger Beschränkungen, desto größer der Reichtum. Aber wenn Sie immer wieder betonen, dass die Kultur in China keinen Beschränkungen unterworfen sei, dann sind Sie unaufrichtig. Im neuen Jahr möchte ich die Behörden inständig bitten, der Kultur, den Verlagen, den Medien und dem Kino mehr Freiheiten zu gewähren.

Wenn dies tatsächlich umgsetzt und ein freieres Umfeld geschaffen wird, dann mache ich, was meine Person angeht, folgende Versprechungen: Ich werde keine alten Rechnungen begleichen; ich werde vorwärts blicken; ich werde keine historisch sensiblen Themen aufgreifen; ich werde die Familien der Führungsriege und ihre Interessen nicht diskutieren oder kritisieren; ich werde nur aktuelle soziale Probleme kritisieren und kommentieren. Am besten wäre es freilich, wenn sowohl Kulturschaffende als auch Behörden einen Schritt zurück machen und einen vorab festgelegte Minimalstandard einhalten würden, um einander mehr Spielraum zu verschaffen.

Aber wenn sich die Dinge in drei Jahren nicht zum Besseren gewendet haben, dann werde ich persönlich bei jeder Jahresversammlung des Schriftstellerverbandes oder der Chinesischen Vereinigung für Literatur- und Kunstschaffenden anwesend sein oder vor der Tür stehen, um zu protestieren. Das mag lächerlich erscheinen und wie ein Kampf zwischen David und Goliath anmuten, aber das ist das, was ich persönlich tun kann. Natürlich werde ich allein hingehen und weder meine Kollegen noch meine Leser dazu anstiften. Ich werde nicht die Zukunft andrer Menschen benutzen, um meinen Lebenslauf aufzupolieren. Gleichzeitig glaube ich in den Charakter unserer Generation, daher glaube ich, dass diese Freiheiten früher oder später kommen werden. Ich hoffe nur, dass sie eher früher als später kommen werden: Weil ich glaube, dass ich dann noch besser schreiben kann, möchte ich nicht warten, bis ich alt bin. Lasst mich da also dabeisein.

Das sind meine persönlichen Forderungen für mein berufliches Umfeld. Ich habe das Gefühl, dass wir in dieser sehr fruchtbaren Diskussion mehr Gewicht auf die Frage legen sollten, wie wir dort hinkommen, als auf die Frage zu erforschen, wie das Ziel ausschauen sollte. Es heißt, dass ein Mensch nur einen Wunsch pro Mal aussprechen kann. Ich habe also meinen Wunsch schon aufgebraucht. Andere Wünsche wie Fairness, Gerechtigkeit, Gesetzlichkeit, politische Reformen und alles andere müssen die Freunde, die sie brauchen, formulieren. Auch wenn ich glaube, dass Freiheit nicht für jeden die höchste Priorität hat, so glaube ich doch, dass niemand ständig in Angst und Unsicherheit leben will. Ich wünsche mir, dass jene, die kein Geld haben, in einer gerechten Gesellschaft reich werden können, und dass jene, die Geld haben, sich den Ausländern nicht mehr unterlegen fühlen müssen, weil sie lediglich Geld haben. Ich wünsche mir, dass alle jungen Menschen diese Weihnachten angstlos über Revolution, Reform und Demokratie sprechen können, sich über die Zukunft des Landes Gedanken machen und es als Bruder und Schwester betrachten. Politik ist nicht schmutzig, Politik ist nicht uninteressant, Politik ist nicht gefährlich. Gefährliche, uninteressante, schmutzige Politik ist nicht echte Politik. Chinesische Medizin, Schießpulver, Seide und Pandas können uns keinen Ruhm einbringen; die hundert Louis-Vuitton-Taschen der Frau des Landrats können uns auch keinen Respekt bringen. Ich wünsche mir, dass die herrschende Partei mutig voranschreitet und in die Geschichte, die nicht nur von ihr selbst geschrieben wird, eingeht.

Han Han: Über Demokratie

Chinesische Originalfassung: Han Hans Blog

Frage: Eine Revolution muss nicht notwendigerweise gewalttätig sein. Die Samtene Revolution ein perfektes Beispiel dafür.
Antwort: Ich glaube nicht, dass in China eine Samtene Revolution stattfinden kann. Lassen wir die internationale Lage einmal außer Acht. Lassen wir auch die Tatsache außer Acht, dass die damalige Tschechoslowakei nur halb so viele Einwohner hatte wie die Stadt Beijing. Wenn man in eine Samtene Revolution glauben will, muss man sich dafür entscheiden, in den Charakter des Volkes zu glauben, in die Toleranz der Machthaber, in die Führungsrolle der Intellektuellen. Die Samtene Revolution war erst aufgrund der Bündelung dieser drei Kräfte möglich. Meiner Meinung nach existieren diese Kräfte in China überhaupt nicht. Du kannst nicht eine perfekte Revolution im Munde führen, um eine in Zukunft vielleicht unvollkommene Reform zu widerlegen. Ich verstehe, dass viele chinesische Intellektuelle und Wissenschaftler der Samtenen Revolution gegenüber sehr tiefe Gefühle hegen, ja, manche von ihnen mögen sich selbst heimlich in der Rolle von Vaclav Hawel sehen. Aber ob in China nun eine gewaltsame oder eine gewaltlose Revolution stattfindet, die Rolle der Intellektuellen wird weniger wichtig sein, als sie sich das vorstellen, ganz zu schweigen davon, dass sie eine Führungsrolle einnehmen könnten. Und je niedriger das Niveau des Volkes (素质)ist, desto unwichtiger sind die Intellektuellen. Du kannst auch nicht mit Begriffen wie „vollkommene Demokratie“, „vollkommene Freiheit“, „vollkommene Menschenrechte“ erklären, wie man der Realität in China entkommen könnte. Reform und Demokratie sind in Wirklichkeit ein Prozess des Verhandelns, du kannst nicht erwarten, dass die Machthaber ein paar Bücher lesen und sich plötzlich bewegt fühlen, dir alles zu überantworten. Du kannst auch nicht ständig eine Samtene Revolution herbeiwünschen, nur damit du in die Rolle von Hawel schlüpfen kannst und plötzlich jeder chinesische Bürger einen Stimmzettel bekommt und seine Stimme aber nicht gekauft wird. Selbst heute gibt es in Tschechien kein allgemeines Wahlrecht. Mein Standpunkt ist daher sehr simpel: Wir wollen nicht, dass eine gewaltsame Revolution stattfindet, eine Samtene Revolution kann aber in China in der näheren Zukunft nicht stattfinden. Eine perfekte Demokratie wird es in China nicht geben können, daher können wir nur ein Ding nach dem anderen anpacken. Es bringt nichts, wenn wir frustriert sind, weil wir im stillen Kämmerlein von Demokratie und Freiheit träumen. Reform ist für den Moment die beste Antwort.

Frage: Der Schluss, den Sie ziehen, ist, dass das Niveau des chinesischen Volkes zu minder ist und daher nicht für eine Demokratie taugt. Hat Ihnen die Regierung eine stabilitätswahrendes Honorar gezahlt, damit Sie das sagen?
Antwort: Ich weiß nicht, wie Sie zu diesem Schluss gelangen. Ich habe den Eindruck, dass ich mich sehr klar ausgedrückt habe: Es geht nicht darum, ob Demokratie geeignet oder ungeeignet ist, denn sie wird früher oder später kommen. Das unzulängliche Niveau der Bürger kann nicht verhindern, dass früher oder später ein demokratisches System kommen wird, aber sie kann die Qualität der Demokratie bestimmen. Niemand will eine Demokratie im Stile Ruandas, aber das ist ja gar keine Demokratie im eigentlichen Sinn. Manchmal kommt sie langsam, manchmal kommt sie über Nacht. Vielleicht ist es auch keine umfassende, vollständige Demokratie. Manchmal ist es auch nicht eine Demokratie nach europäischem oder amerikanischem Muster. Aber irgendwann in deinem Leben wird sie kommen. Wenn du dich dann erinnerst, wirst du vielleicht das Gefühl haben, dass es eher langweilig und gar nicht so aufregend war.

Frage: Sie meinen also, dass alles vom guten Willen der Machthaber und nicht von den Anstrengungen der Bürger selbst abhängt?
Antwort: Natürlich ist es wichtig, Druck auf die Machthaber auszuüben. Aber leider ist die Kooperation der Herrschenden noch wichtiger. Dazu braucht es tatsächlich Glück und Persönlichkeiten. Zurzeit sind die verschiedenen gesellschaftlichen Klassen gespalten und einander entfremdet, z. B. sind die Machthaber beim Zugsunglück von Wenzhou sehr unberührt geblieben, auch wenn dieses Ereignis viel öffentliche Aufmerksamkeit generiert hat. Sie hatten das Gefühl, dies sei eine Angelegenheit der Bürger, das sich auch ohne Eingreifen mit der Zeit lösen würde. An den Familien der herrschenden Schicht ziehen solche Ereignisse wie spurlos vorbei; ihnen geht es nur darum, wer aufsteigt und wer absteigt, wer wie alt ist, wer welche Position innehat. Unter dem Druck einer solchen öffentlichen Meinung verschwinden die Dinge wie von selbst wieder. Viel wahrscheinlich ist aber, dass sie den Druck der öffentlichen Meinung überhaupt nicht spüren. Wenn Sie auf Ihrem Konto eine Milliarde Yuan haben, dann tut es Ihnen auch nicht weh, wenn Sie tausend Yuan verlieren. Die Intellektuellen mögen gewisse Dinge als sehr wichtig erachten, aber sie überschätzen die Sorgen, die sich die Machthaber deswegen machen, denn diese registrieren solche Dinge vielleicht gar nicht. Intellektuelle führen alle Probleme auf das System an sich zurück, als ob sich durch eine Veränderung des politischen Systems alle Probleme lösen würden. Das mag eine aufrechte und gutgemeinte Haltung sein, aber sie gehen davon aus, dass die Bauern und Arbeiter ihre Wahrnehmung teilen, ja, sie meinen, dass alle so wie sie denken müssen. Aber die Realität ist oft viel ernüchternder.

Weil die Rallys, an denen ich teilnehme, alle an entlegenen Orten stattfinden, habe ich in den letzten Jahren gut hundert Kreisstädte besucht. Diese Ort sind nicht besonders isolierte oder arme Städte. Ich habe mich dort mit Leuten verschiedenster Herkunft unterhalten. Für sie ist die Verwirklichung von Demokratie und Freiheit kein so dringendes Anliegen, wie es sich die Intellektuellen vorstellen. Sie hassen Macht und Korruption vor allem deswegen, weil sie (oder ihre Verwandten) etwas nicht bekommen, was jemand anderer bekommt; es geht ihnen nicht darum, Macht zu beschränken oder zu kontrollieren. Erst wenn ihnen selbst eine Ungerechtigkeit widerfährt und sie sich mit Petitionen dagegen wehren wollen, ziehen sie ihr Wörterbuch heraus und schlagen diese Vokabel nach. Wenn die Regierung ihnen nur genug Entschädigung zahlt, sind sie zufrieden. Gesellschaftliche Konflikte, die mit Geld gelöst werden können, sind aber gar keine echten gesellschaftlichen Konflikte. Im Allgemeinen sehen die Intellektuellen darin, dass die Bürger in solchen Notfällen Begriffe wie „Demokratie“ und „Freiheit“  verwenden, ein Zeichen für ein viel umfassenderes Bedürfnis und glauben, es gäbe einen Konsens zwischen Intellektuellen und Bürgern. Ich glaube nicht, dass in einem Land, das so stark gespalten ist, eine perfekte Revolution stattfinden kann. Man könnte meinen, dass das daher rührt, dass die Machthaber das Volk bereits so gut gezähmt haben, und man müsste daher die Machthaber austauschen. Aber so ist es bereits seit ein, zwei Generationen. Aber wenn ich mit ihren Kindern spreche, so merke ich, dass das Internet und andre Medien ihnen zum Glück bereits mehr oder weniger die Augen geöffnet haben. Daher bin ich überhaupt nicht pessimistisch.

Heute hat die Kommunistische Partei Chinas 80 Millionen Mitglieder. 300 Millionen Menschen leben in Familien, in denen ein Familienmitglied der Partei angehört. Die Partei ist schon lange nicht mehr bloß eine politische Partei oder Klasse. Daher sind die Mängel der KP in vielen Fällen tatsächlich die Mängel des Volkes. Ich glaube, dass ein sehr starkes Einparteiensystem im Grunde ein Nichtparteiensystem darstellt: Wenn die Parteiorganisation eine massive Größe erreicht, dann ist sie das Volk selbst. Daher geht es nicht darum, die KP so oder so zu behandeln. „Kommunistische Partei“ ist nur ein Name, das System ist nur ein Name. Wenn Sie das Volk verändern, dann verändert sich alles. Daher muss man sich auf diese Veränderung konzentrieren. Rechtsstaatlichkeit, Bildung, Kultur: Das ist die Grundlage.

Frage: Wenn es zur Revolution kommt, welche Rolle sollten dann einflussreiche Intellektuelle spielen?
Antwort: Dann sollten die Intellektuellen wie ein Grashalm auf einer Mauer sein, allerdings einer, der sich gegen den Wind stemmt. Die Intellektuellen müssen ihren eigenen Sinn für Gerechtigkeit entwickeln, aber sie dürfen keine eigene Position einnehmen. Je mehr Einfluss die Intellektueller haben, desto weniger dürfen sie ihren eigenen fixen Standpunkt haben. Sobald eine Seite mächtig wird, müssen sie sofort auf die andere Seite wechseln. Sie dürfen unter keinen Umständen einen eigenen Standpunkt verfechten oder einer Ideologie folgen. Sie müssen davon ausgehen, dass alle Revolutionäre Schwindler sind. Sie dürfen keinen Versprechungen folgen. Die Intellektuellen müssen ihre Anstrengung darauf konzentrieren, dass verhindert wird, dass eine Seite vernichtet und die andere Seite absolute Macht erringt.Wenn es in China in Zukunft eine Revolution geben sollte, dann werde ich auf der Seite der Schwachen und Verletzlichen stehen, und wenn die zu stark werden, dann halte ich zu deren Gegnern. Ich bin gewillt, meine persönlichen Einstellungen zu opfern, um sicherzustellen, dass verschiedene Gruppen nebeneinander existieren können. Erst dann kann es alles das geben, wonach wir streben.

Frage: Noch eine zusätzliche Frage zum “Niveau des Volkes“ und zur Demokratie: Viele Leute sagen: Ich war in entwickelten Ländern und habe gemerkt, dass jenseits der Oberfläche die Natur der Menschen auch nicht anders ist, daher kann nur ein gutes System ein hohes Niveau der Bürger garantieren.
Antwort: Ich stimme voll zu. Aber wir reden vor allem über die Oberfläche. Wir dürfen die Bedeutung dieser oberflächlichen Niveaus aber auch nicht unterbewerten, weil die Menschen sind, wie sie sind. Die Qualität der Demokratie wird von der oberflächlichen Qualität der Menschen bestimmt. Wenn jemand beim Autofahren das Fernlicht abblendet, dann mag es so scheinen, als wäre er höflich und würde die sozialen Regeln respektieren, aber wenn man sich näher mit ihm einlässt, stellt man fest, dass er egoistisch, schwach, engstirnig und gierig ist. Was hat es nun damit auf sich? Es macht keinen Sinn, wenn man das Niveau der Bürger und die menschliche Natur an sich gemeinsam diskutiert. Natürlich ist die menschliche Natur von Amerikanern und Chinesen mehr oder weniger gleich, ja, alle Menschen haben mehr oder weniger die gleiche Natur. Wir sind also mit einer Huhn-oder-Ei-Frage konfrontiert: War zuerst das hohe Niveau der Bürger da und dann erst das gute (Regierungs)System, oder war zuerst das gute System und dann das hohe Niveau der Bürger? In Wirklichkeit gibt es keinen Zweifel: In einer Zeit, in der sich ein gutes System herausbilden kann, sollte ein gutes System gesichert werden, egal ob das Niveau der Bürger gut oder schlecht ist, denn ein gutes politisches System ist dauerhaft und breitet sich aus. Das System ist etwas Substanzielles, etwas, was mit der Wirklichkeit zu tun hat, während das Niveau etwas Leeres, eine Illusion ist.

Das Problem ist, dass wir dann, wenn ein gutes System aus verschiedenen Gründen nicht entstehen kann, nicht darauf warten können, dass es vom Himmel fällt und wir dann erst die Möglichkeit und Motivation haben, etwas zu beginnen. Denn sonst wäre eine gute Qualität erst gar nicht notwendig, sie ist etwas Langsames und nicht unbedingt sehr effektiv. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein gutes System und eine gute Demokratie entstehen können: In einem Fall gibt es einen Gedenktag, im andren Fall gibt es keinen spezifischen Tag des Gedenkens, sondern die harte Arbeit von ein, zwei Generationen. Ich meine, wir sollten etwas realistischer sein: Die Unabhängigkeitserklärung Amerikas, die Verfassung und die Amendments – all das ist zustande gekommen, weil die politischen Parteien und das Volk sie gemeinsam geschaffen haben. Unsere Verfassung ist auch gut, und unsere herrschende Partei hat Dinge verkündet, die auf einer Höhe mit der Unabhängigkeitserklärung sind, aber die meisten dieser Dinge sind nie umgesetzt worden. Die Partei ist nicht imstande, die verschiedenen Erklärungen zu betrachten und zu reflektieren. Der Preis einer Revolution wiederum ist zu hoch, sie ist zu unkontrollierbar, eine Reform ist langsam und kann immer wieder hinausgeschoben werden, die Bürgerqualität ist mangelhaft – es scheint, als wären wir an einem toten Punkt angekommen. Aber ich habe mich entschieden, trotzdem an eine Reform zu glauben. Die Idee einer gewaltsamen bzw. einer gewaltlosen Revolution kann nur als Spielchip beim Überwachen und Vorantreiben von Reformen dienen, aber nicht tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden.