freelance translator. freelance project manager, organisator. likes to build bridges.
interested in China, Chinese (digital) culture & new media art, social media, translation & more.

Sharing Economy in China

In China hat sich die Sharing Economy 分享经济 in den letzten Jahren rasant entwickelt: Auf dem chinesische Markt existiert neben den großen ausländischen Playern (allen voran Airbnb und Uber) eine unüberschaubare Fülle von in China entwickelten und von chinesischen Investoren finanzierten Projekten. Ein Ende Februar 2016 vom State Information Center der chinesischen Regierung 国家信息中心 veröffentlichter Bericht über die Sharing Economy belegt diese Entwicklung mit eindrücklichen Zahlen: 50 Millionen Chinesen (5,5 Prozent der Werktätigen Chinas) stellen Dienstleistungen bereit, die von (konservativ geschätzt) 500 Millionen in Anspruch genommen werden. Der Markt für solche Dienstleistungen erreichte im Jahr 2015 ein Volumen von 275 Milliarden Euro. Für die nächsten fünf Jahre geht das State Information Center von einer jährlichen Wachstumsrate von 40 Prozent aus: Bis 2020 soll demnach die Sharing Economy zehn Prozent des BIP ausmachen.

Das sind die Dimensionen der Sharing Economy in China Ende 2015. Diese Dimensionen sind erstaunlich, lassen sich aber plausibel erklären.

Chinas Internet ist das größte der Welt: Ende 2015 gab es über 700 Millionen User, davon 530 Millionen Smartphone-User. Diese chinesischen User sind sehr technikaffin und neuen Technologien gegenüber aufgeschlossener als viele andere, Datenschutz und Privacy spielen eine geringere Rolle als im westlich/europäischen Kontext. Dank der hohen Anzahl an Smartphone-Usern ist China inzwischen Vorreiter in Sachen mobiler Bezahldienste und Authentifizierungsmodelle geworden, und es ist ein Ökosystem an Apps für alle nur erdenklichen Lebensbereiche entstanden, das seinesgleichen sucht: Man denke nur an die Universal-App WeChat, die für die meisten Chinesen das Tool ist, mit dessen Hilfe sie alle Aspekte ihres Alltags organisieren und die schon viel mehr als nur eine App ist, sondern eher ein Betriebssystem fürs mobile Leben.

Dazu kommen die hohe Bevölkerungsdichte und die fortschreitende Urbanisierung, die zu massiven Umwelt- und Verkehrsproblemen und zu ungleicher Ressourcenverteilung führt, was langsam ein Umdenken in der Bevölkerung bewirkt. Die gut ausgebildete junge Elite schließt sich der internationalen Grün-Bewegung an und wehrt sich gegen einen Trend des ostentativen Konsums – Stichwort (gefakte) Louis-Vuitton-Taschen – und eine „mehr ist besser“-Mentalität. Etwas mit Fremden zu „sharen“ ist in dieser Bevölkerungsgruppe nicht nur ein Zeichen für frei gewählte Selbstbeschränkung, sondern auch eine Möglichkeit zu kommunizieren, dass man die Mittel hat, um Dinge besitzen zu können, aber sich großzügig dafür entscheidet, sie mit anderen zu teilen. Dieser Trend verdankt sich auch einem kulturell tief verankerten Hang zum Sparen, wodurch die Sharing Economy bei breiten Bevölkerungsgruppen auf fruchtbaren Boden fällt, z. B. wenn es um gemeinsame Taxi-Nutzung und das Teilen von Wohnraum – den beiden erfolgreichsten Zweigen der chinesischen Sharing Economy – geht.

Die chinesische Sharing Economy befindet sich – trotz der beeindruckenden Zahlen – erst im Aufbau, aber die vom Sharing erfassten Bereiche weiten sich schnell aus, die Anzahl der Plattformen weitet sich ständig aus.

  • Die zahlreichen chinesischen AirBnB-Varianten erreichten 2015 ein Volumen von 1,3 Milliarden Euro (eine Steigerung von 163 Prozent seit 2012).
  • Didi Chuxing 滴滴出行, die beliebteste Taxi-Plattform, die aus einem Merger von Dida Dache 滴滴打车 und Kuaidi Dache 快的打车 entstand (hinter denen zwei der größten chinesischen Internet-Unternehmen stehen – Tencent und Alibaba), hat 1,4 Millionen Fahrer und mehr als 250 Millionen registrierte User, die mehr als vier Millionen Fahrten pro Tag absolvieren.
  • Mingyi Zhudao 名医主刀, eine Plattform, auf der man den besten Arzt für eine anstehende Operation ausfindig machen kann, hat in knapp einem halben Jahr mehrere Tausend Operationen vermittelt und ein dichtes Partnernetzwerk aufgebaut. Es verzeichnet monatliche Steigerungen von 40 Prozent.
  • JD Crowdfunding 京东产品众筹, eine der größten Crowdfunding-Plattformen, hat seit ihrer Gründung im Juli 2014 mehr als 200 Projekte mit jeweils über 140.000 Euro und mehr als 20 Projekte mit jeweils über 1,4 Mio Euro gefördert.
  • JD Crowdsourcing 京东众包, das auf Kurierdienste spezialisiert ist, hat innerhalb eines Jahres 500.000 Kuriere und 200.000 Schnellkuriere für sich gewinnen können.
  • Zhubajie 猪八戒网, die größte Crowdsourcing-Plattform im Bereich Creative Industries, verzeichnet 13 Millionen registrierte User, 720 Mio Menschen haben sich dort an Crowdfunding-Projekten beteiligt, 300 Mio haben Dienstleistungen in Anspruch genommen. Der Jahresumsatz 2015 betrug über 1 Milliarde Euro.

Der Sharing-Economy-Ansatz ermöglicht es chinesischen Unternehmern auch, zu internationalisieren. Die Taxi-Plattform Didi Chuxing kooperiert z. B. mit Lyft (USA), Grabtaxi (Südostasien) und Ola (Indien) und erreicht so die Hälfte der globalen Bevölkerung. Die chinesische App Wifi-Masterkey, die nach offenen Hotspots sucht, ist seit Mai 2015 international verfügbar und rangiert im Februar 2016 in den Google Play Stores von 50 Ländern bereits auf Platz 1 und hat User in 223 Ländern. Wifi-Masterkey ist damit eine der wenigen chinesischen Apps, die global präsent ist.

Die Sharing Economy wird in China jedoch nicht nur als ein neues Wirtschaftsphänomen gesehen, das eine neue Ressourcenverteilung ermöglicht, sondern auch als eine neue Form des Konsums und als neues sozioökonomisches Entwicklungsmodell, verknüpft mit der Hoffnung, dass sich die Versprechen der Informationsgesellschaft verwirklichen und dringliche soziale Probleme gelöst werden können, z. B. die ungleiche Ressourcenverteilung, die massiven Umweltprobleme in weiten Teilen des Landes, soziale Ungerechtigkeit oder der eklatante Vertrauensmangel in der chinesischen Gesellschaft.

Das Konzept der Sharing Economy entspricht zudem der aktuellen Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaftspolitik in Zeiten des „New Normal“ (also des verlangsamten Wirtschaftswachstums), die einerseits auf Innovation, Unternehmertum, Umweltschutz, Offenheit und Teilhabe setzt, andererseits auf eine Transformation traditioneller Unternehmen in vollständig „internetisierte“ Betriebe setzt – was unter dem Begriff „Internet Plus“ verstanden wird. Premier Li Keqiang wies im Tätigkeitsbericht der Regierung, der anlässlich der Tagung des Nationalen Volkskongresses im März 2016 präsentiert wurde, darauf hin, dass die Sharing Economy durch die Schaffung von technologischen Plattformen, von Clustern für „emergierende Industrien“ und den Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft gefördert werden müsse. Nur so könne der Innovations- und Unternehmergeist breiter Bevölkerungsschichten gestärkt werden, denn Sharing-Plattformen böten Start-ups die Möglichkeit, risikoarme „Mikroinnovation“ als ersten Schritt in Richtung größerer Innovationen zu betreiben. Die Sharing Economy solle aber auch eine Rolle bei der Neustrukturierung der Wirtschaft im Sinne der im Moment diskutierten „angebotsorientierten strukturellen Reformen“ spielen.

Welchen Stellenwert die chinesische Regierung der Sharing Economy beimisst, wird auch daraus ersichtlich, dass die Regierung im März 2016 ankündigte, den rasant wachsenden Taxi-Anbieter-Markt, der zur Zeit in einer rechtlichen Grauzone operiert, staatlich regulieren und eine legale Basis und ein förderliches Steuerumfeld für gewerbliche wie private Taxifahrten-Anbieter schaffen zu wollen (was auch für Uber gelten wird, das im Moment in 40 chinesischen Städten präsent ist, bis Ende 2016 aber 100 Städte abdecken will).

Außerdem gründete im Dezember 2015 die Chinese Internet Society die Commission on Sharing Economy of China (CSE). Mit an Bord sind Unternehmen wie Didi Chuxing, Tencent (einer der drei Internet-Giganten und Erfinder von WeChat), Lenovo und LinkedIn (China). Diese Kommission soll eine Schlüsselrolle bei der Koordination zwischen Anbietern, Regulatoren und Opinion-Leadern spielen und dazu beitragen, dass eine „Collaborative Governance“ entstehen kann, um Fragen der Standards, Sicherheit, Qualitätssicherung und des Datenschutzes zu klären.

Quellen:
http://www.sic.gov.cn/archiver/SIC/UpFile/Files/Htmleditor/201602/20160229121154612.pdf
http://www.scmp.com/news/china/policies-politics/article/1924576/china-give-green-light-ride-hailing-firms-uber-didi
http://en.acnnewswire.com/press-release/english/27135/chinese-regulators-welcome-new-industry-association-led-by-didi-kuaidi-in-support-of-sharing-economy

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.