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Mozi 墨子- der erste chinesische Maker?

Im Februar 2015 hat der Staatsrat eine neue Phase der chinesischen Wirtschaft mit Betonung auf Innovation und Entrepreneurship eingeläutet, und zwar mit der Errichtung von Mass Maker Spaces 众创空间, um Massen-Kreativität und Massen-Entrepreneuership 大众创新创业zu fördern: „a specific economic platform encouraged by policy makers to promote more venture capital, incubator hubs and entrepreneurs to drive innovation in China.“

Seitdem ist der Begriff des Maker 创客 auch nicht so sehr technikaffinen Personen ein Begriff. Der ursprünglich aus Kalifornien importierte Begriff des Maker kann aber auch an eine frühe chinesische philosophische Strömung. So sieht es jedenfalls Wu Bofan 吴伯凡, Herausgeber der 21st Century Business Review 21世纪商业评论 und studierter Philosoph. Urvater der chinesischen Maker ist seiner Meinung nach der chinesische Philosoph Mozi 墨子, der im 5. Jh. v. Chr., ein Jahr nach dem Tod des Konfuzius, geboren wurde, also in der Frühphase der Streitenden Reiche, einer „dezentralisierten“ Zeit, in der sich eine Elite abseits staatlicher Strukturen formte und Hundert Denkschulen aufblühten, deren Vertreter Wu als die “Big V der Zeit der Streitenden Reiche” bezeichnet, deren Hauptsorge der Erhaltung von Recht und Ordnung galt.

Mozi (seine Schriften wurden teilweise unter dem Titel Mo Ti – Gegen den Krieg und Mo Ti – Solidarität und allgemeine Menschenliebe von Helwig Schmidt-Glintzer ins Deutsche übertragen) ist der Begründer des „Mohismus“ 墨家. Mozi war ursprünglich Zimmermann: Seine Name verrät seine Herkunft: 墨 bezeichnet auch eine Richtschnur, wie sie Zimmerleute verwendeten. Er war ein herausragender Handwerker und umherziehender „Ritter“ 侠客, dessen Philosophie in Gegensatz zu Konfuzianismus und Daoismus stand: Während Konfuzius‘ Strategie zur Rettung der Welt in Selbstbeherrschung und Befolgen von Riten und die des Laozi im Nichttun 无为und in der Reduktion (auch der Größe des Staates) bestand, trat Mozi für „allumfassende Liebe und gegenseitige Unterstützung“ 兼相爱,交相利 ein. Er war ein Pazifist, der den (Angriffs)Krieg verurteilte, dazu auch Asket und utilitaristisch denkend. Im Grunde war er ein inzwischen weitgehend vergessener „Grassroot-Philosoph“.

Seine Anhänger, die auch in Kampfkünsten bewandert waren, organisierten sich einer Bewegung, die gegen Unrecht eintrat, den Frieden verteidigte und angegriffen kleinen Staaten zu Hilfe eilte. Die Anführer dieser Gruppen 巨人 bildeten ein engmaschiges „Social Network“: Wu bezeichnet diese Gruppen als eine „virtuelle Gemeinschaft“ von hoch kreativen, geschickten Handwerkern 能工巧匠, eine Art „schnelle Eingreiftruppe“: „Sobald ein kleines Land angegriffen wurde, konnten sie sehr schnell eine Truppe organisieren und diesem angegriffenen kleinen Land zu Hilfe eilen. Das war etwas Inoffizielles, Nichtstaatliches, daher waren sie so flexibel und schnell.“

Für diese Missionen stellten sie auch selbst geeignetes Gerät her. So gibt es z. B. Beschreibungen eines Fluggeräts – ähnlich eines Gliders – aus Holz: 公输子削竹木以为鵲,成而飞之,三日不下。(Gongshuzi constructed a bird from bamboo and wood and when it was completed he flew it. It stayed up [in the air] for three days, siehe http://ctext.org/mozi/lus-question#n875). Wu: „Wenn sie eine Stadt angreifen wollten, die am Fuße eines Berges liegt, dann nahmen sie dieses hölzerne, sehr leichte Fluggerät und „flogen“ mit diesem Glider in die Stadt hinein – also nicht wie das griechische trojanische Pferd, das in die Stadt geschmuggelt wurde – sie sind in die Stadt geflogen.“ (Diese Geräte fanden auch Eingang in die berühmten Wuxia-Romanen von Jin Yong 金庸.)

Ein weiteres berühmtes Beispiel für ihren Erfindungsreichtum und ihr technisches Know-how ist die „Himmelsleiter“, eine leichte hölzerne Leiter zu Belagerungszwecken: 公輸盤為楚造雲梯之械,成,將以攻宋。Gong Shu Ban had completed the construction of Cloud-ladders for Chu and was going to attack Song with them; siehe http://ctext.org/mozi/gong-shu#n877).

„Die Anhänger von Mozi waren keine normalen Zimmerleute, sie waren auf militärische Technologie spezialisiert. Diese Technologien wurden gemeinschaftlich entwickelt. Jeder einzelne war ein sehr geschickter Handwerker. Aber manche Dinge sind zu schwierig für einen, so wie der Glider aus Holz. Sie arbeiten gemeinsam und teilten ihr Wissen.“ Diese Eigenschaften machten sie nach Wus Ansicht zu Vorläufern der heutigen Maker: „Ich bin der Meinung, dass Mozi Chinas erster Maker war. Maker produzieren nicht nur Dinge, sondern sie teilen dieses Wissen miteinander: Sobald eine neue Technik entsteht, wird sie sehr schnell mit anderen geteilt. Wenn es also Probleme gab, konnten diese frühen Maker sie gemeinsam das Problem lösen. Das ist ein Zug, der sie von normalen Zimmerleuten unterschied.“ Die Maker im engen Wortsinne – also nicht die Start-up-Betreiber, die ein marktkonformes, gewinnbringendes Produkt anstreben, sondern Menschen, die im Sinne des DIY mit eigenen Mitteln ein technisches Problem lösen wollen – markieren also nach Wus Auffassung die „Wiedergeburt von Mozi im Zeitalter des Internet“.

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