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Die geheimen Codes der Schreibteams

Im Juni 2013 hat die Zeitschrift The China Quarterly in ihrer Nummer 214 ein faszinierendes Paper von Wen-Hsuan Tsai und Peng-Hsiang Kao über die „Geheimen Codes der politischen Propaganda: Das unbekannte System der Schreibteams“ veröffentlicht. Sie beschreiben ein Außenseitern praktisch unbekanntes Netzwerk von Schreibteams, die die Perspektiven einer bestimmten Gruppe innerhalb der Partei propagieren, indem sie Artikel in Partei-Zeitungen und -Zeitschriften veröffentlichen. Dabei verwenden diese Teams Pseudonyme, die von einem  Personennamen nicht zu unterschieden sind und so den Eindruck vermitteln, die Artikel seien von einem Journalisten geschrieben. Für die Eingeweihten – sprich Parteimitgliedern höherer Ränge – funktionieren sie wie ein „Geheimcode“ und verraten, welche Parteiorganisation hinter einem Artikel steht.

Laut Tsai und Kao gibt es zwei Gründe, warum solche Pseudonyme gewählt werden. Erstens herrscht innerhalb der der Propaganda-Arbeit der KPCh eine Kultur der Ambiguität und der Anspielungen. Durch die Verwendung von Pseudonymen wird dem Nichteingeweihten verschleiert, welche Organisation hinter einer Meinung steht – so ist es unmöglich, Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei zu erkennen. Dies ist deshalb so wichtig, weil die Partei mit ihrer kollektiven Führung und ihrem „demokratischen Zentralismus“ ein geeintes, harmonisches Bild abgeben muss, das Aufdecken von innerparteilichen Richtungskämpfen ist streng verboten. Der zweite Grund ist die immer negativere Reaktion von Parteikadern und Bürgern auf dogmatische Partei-Propaganda und speziell auf Artikel, die unter dem Namen einer Parteiorganisation veröffentlicht werden. Durch die Verwendung normaler Namen wird diese negative Reaktion ausgeschaltet.

Diese Schreibteams lassen sich lt. des Papers bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen. 1963 richtete die Partei das „Central Committee Anti-Revisionism Document Drafting Group“ ein, das direkt dem Ständige Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas unterstand. Damals wurden allerdings noch keine Pseudonyme verwendet, sondern die Artikel als Leitartikel von People’s Daily veröffentlicht. Dieses Komitee wurde von Deng Xiaoping geleitet, die Artikel wurden von Mao Zedeong, Liu Shaoqi und Zhou Enlai geprüft, korrigiert und letztendlich von Mao freigegeben.

Während der Kulturrevolution bediente sich die Viererbande solcher Schreibteams, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und ihre politischen Rivalen anzugreifen. Damals bestanden die hoch geheimen Schreibteams mehrheitlich aus Universitätsangehörigen, die nicht ihre eigene Meinung vertraten, sondern im Dienste der Elite standen. Während der Kulturrevolution hatte jede Provinz ihr eigenes Schreibteam. Dies entwickelte sich während dieser Zeit zu einem regelrechten System, das die damalige Expansion der Macht des Propaganda-Apparats widerspiegelt. Damals begannen die Teams auch, unter Pseudonymen zu veröffentlichen. Die Namen waren oft homonym mit Namen von Institutionen: Das bekannteste Team schrieb unter dem Pseudonym 梁效, was praktisch honomym mit 两校 (zwei Schulen) ist: Der volle Name des Teams war 北京大学、清华大学大批判组 (Kritik-Gruppe der Peking- und Tsinghua-Universität) und wurde von Mao und Jiang Qing kontrolliert. Im Jahr 1975 gründete Deng Xiaoping ein Schreibteam (政治研究室 ), um die Kontrolle, die die Viererbande über die Ideologie hatte, zu brechen.

Heute haben diese Schreibteams, die in unterschiedlichen Konstellationen arbeiten, nicht mehr die Funktion, die jeweils andere Ideologie zu kritisieren, sondern die Politik und Ansichten der Organisation, die sie repräsentieren, zu propagieren. Das beste Team ist jenes von People’s Daily, das die Ideen des Propaganda-Abteilung des Politbüros verbreiten soll, und zwar in Form von Artikeln zu speziellen Themen, die z. T. direkt von der Propaganda-Abteilung „bestellt“ werden, aber auch gewisse Ideen selbstständig ausarbeiten können. Die wichtigsten Pseudonyme bzw. Teams sind lt. Tsai und Kao Ren Zhongping 任仲平 (das einflussreichste Team), He Zhenhua 何振华, Ke Jiaoping 柯教平, Guo Jiping 国纪平 und Zhong Yan 仲言. (Das Paper in The China Quarterly gibt eine detaillierte Analyse dieser verschiedenen Teams.)

Neben People’s Daily haben auch andere Organisationen ihre Teams und veröffentlichen ihre Texte u. a. in Qiushi 求是 (Texte des ZK), China Personnel Bulletin 中国人事报, Legal Daily 法制日报 und Guangming Daily 光明日报.

Tsai und Kao zitieren den früheren Propaganda-Chef von Shenzhen, der beschreibt, wie diese Texte entstehen: Diskussion der Gliederung; individuelles Schreiben; erste Redaktion durch den Team-Leader; Überprüfung durch den Ständigen Ausschuss; kollektives Umschreiben; Freigabe durch den Ständigen Ausschuss; Unterzeichnung; Veröffentlichung.

Quelle: Wen-Hsuan Tsai and Peng-Hsiang Kao (2013). Secret Codes of Political Propaganda: The Unknown System of Writing Teams. The China Quarterly, 214, pp 394-410. doi:10.1017/S0305741013000362.

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