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Verbinden. Verstehen. Vertrauen: 25 Jahre Goethe-Institut Peking

Anlässlich des 25. Jubiläums der Gründung des Goethe-Instituts Peking wurde ich gebeten, einen Text über die Arbeit des Goethe-Instituts für die Zeitschrift “Politik & Kultur” des Deutschen Kulturrates (einer Arbeitsgemeinschaft kultur- und medienpolitischer Organisationen und Institutionen) zu schreiben. Der Leiter des GI Peking, Peter Anders, ist wohl auf mich gekommen, weil ich durch meine Übersetzertätigkeit für das GI in den letzten Jahren Einblick in viele Projekte bekommen und auch für andere Institutionen Kulturaustausch-Projekte erarbeitet habe – nicht uninteressant, sich die Geschichte und das Wachstum des GI näher anzuschauen – für eine Österreicherin auch etwas schmerzhaft, weil Österreich da einfach nicht im Entferntesten (auch wenn man die Proportionen berücksichtigt) mithalten kann – und auch keine Ambitionen zeigt.

Der Text ist auf der Webseite von “Politik & Kultur” nicht direkt abrufbar, allerdings gibt es ein PDF der gesamten Nummer (Ausgabe: Nr. 4/13 • Juli/August 2013) zum Download bzw. meine Textversion gleich hier weiter unten.

Verbinden. Verstehen. Vertrauen

Seit 25 Jahren gibt es nun das Goethe-Institut Peking: Gegründet wurde es im Jahr 1988 als erstes ausländisches Kulturinstitut in China.

Am Anfang ging es um Spracharbeit. Deutschland war bereits damals eines jener westlichen Länder, das auf Chinesen eine besondere Faszination ausübte: wegen seiner Kultur und Philosophie (dass die marxistischen Denker Deutsche waren, war in den 80er-Jahren in gewisser Hinsicht ein »emotionales« Bindeglied), seiner »Geregeltheit« und Diszipliniertheit, seiner Leistungen in den Ingenieurswissenschaften, aber erst 1996, mit der weiteren Öffnung Chinas gen Westen, fanden die ersten Kulturveranstaltungen statt. Anfangs waren es noch vorsichtige Versuche in konventionelleren Formaten.

Aber dieses Herantasten legte den Grundstein für das, wofür das Goethe-Institut nunmehr steht: den direkten Dialog im Erarbeiten von Projekten. Also gemeinsam mit chinesischen Institutionen Themen zu finden, die für beide Seiten relevant sind. Gemeinsam Formate und Präsentationsmodi zu entwickeln, die sich abseits der gängigen kommerziell geprägten »Kulturindustrie« bewegen und sich nicht am Mainstream orientieren. Die nicht auf einen ökonomischen Zweck ausgerichtet sind, sondern »idealistisch« und manchmal fast utopisch anmuten. Sich Nischen suchen und den Boden beackern, auf dem dann echtes Verständnis wachsen kann – das eine Bereicherung für beide Seiten darstellt und für das chinesische Publikum oft wahrhaft augenöffnende Momente schafft.

Ein »Muster«, das sich durch alle Aktivitäten des Goethe-Instituts zieht, ist gleichzeitig auch das Motto des 25-jährigen Jubiläums des Goethe-Instituts in Peking: »Verbinden. Verstehen. Vertrauen.« Schaffung von Netzwerken, von Freundschaften, die die Basis für‘s Aufeinanderzugehen und ein echtes Verstehen bilden, aus dem sich dann ein Gespräch, ein Dialog entwickelt, der letztendlich Vertrauen schafft. Und erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist die Basis für die eigentliche Arbeit des Goethe-Instituts geschaffen: nämlich mit chinesischen Partnern Fragen und Themen aufzugreifen, die sowohl in Deutschland als auch in China Relevanz besitzen. Also solche, die manchmal als Minderheitenprogramm angesehen werden, als zu schwierig und sensibel, weil sie sich mit Fragen beschäftigen, die in der chinesischen Gesellschaft oft noch gar nicht im Fokus stehen, aber bereits im Untergrund angelegt sind.

Diese Themen mögen von manchen als zu abgehoben und zu elitär angesehen werden, wenn sie sich um Konzepte drehen, die in der chinesischen Gesellschaft oft gar nicht mit unseren Begriffen diskutiert werden wie zum Beispiel »Zivilgesellschaft« oder »Erinnerung« oder »Freiheit« oder »Kunst im öffentlichen Raum«. Da ist viel Verständigungsarbeit zu leisten.

Ein besonders geglücktes Beispiel für ein solches Projekt sind die Veranstaltungen rund um Alexander Kluges Film (neun Stunden!) zu »Das Kapital« von Karl Marx: »Nachrichten aus der ideologischen Antike«. Der Film selbst wurde in Peking, Hangzhou, Nanjing und Shanghai, später sogar in ganzer Länge und mit vollständigen chinesischen Untertiteln auf dem chinesischen YouTube gezeigt. Zur Pre miere folgte ein Live-Interview zwischen Alexander Kluge und Wang Hui, einem der prominentesten chinesischen Philosophen per Satellit. Weitere Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen mit deutschen und chinesischen Wissenschaftlern und Philosophen wurden landesweit organisiert, dazu noch eine Film-Aktion plus Diskussionsrunde mit einigen der bekanntesten Künstler Chinas an der Kunstakademie in Hangzhou. Dort drehten Film- und Medienstudenten Kluges Film über den Zustand des Spätkapitalismus einfach weiter, und Axel Honneth schloss die Reihe vor Kurzem in der Pekinger Parteihochschule mit einer Diskussion über die »Kultur der Freiheit« ab. Das Goethe-Institut verstand es dabei, einige gewichtige Player im intellektuellen Diskurs Chinas einzubeziehen und reflektierte mit dieser Veranstaltungsserie Themen, die in Deutschland eine lange Tradition haben, in China aber nach wie ‘vor ein konfliktträchtiges Fast-Tabu-Thema darstellen: Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Wie schaffen wir unser Geschichtsbewusstsein? Wie erinnern wir uns an unsere Vergangenheit? Dabei geht es um Sensibilisierung für Fragen, nicht um die Vermittlung von (deutschen) Best- Practice-Ansätzen, um die Erschließung eines intellektuellen Kontextes, dessen Implikationen sich nicht auf das unmittelbare Thema beschränken. Durch die Einbeziehung akademischer und künstlerischer Institutionen wird über die disziplinären Grenzen hinweg ein Diskurs geschaffen, der nachhaltig wirkt und sich aufgrund der Grenzüberschreitung der Genres dem unmittelbaren Zugriff der chinesischen Behörden entzieht.

In diesem thematischen Feld »Erinnerung« sind auch andere Veranstaltungen zu sehen: das Rahmenprogramm zur umstrittenen Ausstellung »Kunst der Aufklärung« in den Jahren 2011 und 2012 im (von deutschen Architekten) renovierten National Museum of China. Die Ausstellung behandelt zutiefst »deutsche« Themen, wobei sie nicht auf ein Vorwissen auf chinesischer Seite aufbauen kann, aber indirekt für die chinesische Gesellschaft extrem relevante Themen berührt. Ohne das museumspädagogische Begleitprogramm des Goethe-Instituts, dessen Veranstaltungen im Kern auf Führungen zu ganz spezifischen Themen wie »Neuer Fortschrittsglaube?« oder »Nachtseiten – Ironie und Kritik im Bild« basierten, hätte sich diese Ausstellung wohl kaum für den durchschnittlichen chinesischen Museumsbesucher erschlossen. Oder die Auftritte von Blixa Bargeld, der eines seiner 1994 begonnenen Projekte nun mutig in Peking fortsetzte: Aus einer Fragebogenaktion im ganzen Land gesammelte »Erinnerungen« wurden poetisch in neue Textcollagen und musikalische Kompositionen verschmolzen – und im Rahmen einer Kooperation mit zehn chinesischen Künstlern und Musikern »exekutiert«. Das Endprodukt: eine Performance, die auch vor den Metaphern der Erinnerungen an die Traumata von 1989 nicht Halt machte.

Es sind oft Umwege, ein Crossover im breiteren Sinn – zwischen Kulturen, zwischen Wissensfeldern –, die Andeutungen, die die Faszination solcher Projekte ausmachen, denn sie schaffen es, Neugierde zu erwecken. Neugierde auf das Fremde, aber auch auf das, was sich im eigenen Land, also in China, tut.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis, das die Arbeit des Goethe-Instituts in China erklärt, ist, dass es eine essenzielle chinesische Kulturtechnik sehr gut beherrscht: Beziehungen herzustellen und zu pflegen. Die Veranstaltungen wären nicht möglich, ohne das dauernde Pflegen von existierenden Freundschaften und das Neuknüpfen solcher »Guanxi«. Denn nur so kann ein verlässliches Netz von Kooperationspartnern aufgebaut werden und in neue, fremdere Gebiete vorgestoßen werden wie bei der Shanghai-Biennale 2012, wo der Leiter des Goethe-Instituts Peking, Peter Anders, den deutschen Beitrag kuratierte. Er lud das »raumlaborberlin« ein, das dem deutschen Architekten Richard Paulick und seinem »Stahlhaus« gewidmet war. Paulick hatte in den 1930er- und 1940er-Jahren in Shanghai als Stadtplaner gearbeitet und die Entwicklung der Stadt mitgeprägt – ein Hinweis auf die komplexen historischen Bande zwischen den beiden Ländern. Das so entstandene »Teehaus« war eines der Highlights der Intercity Pavillons der Shanghai-Biennale.

Diese Fähigkeit zu netzwerken schlägt sich auch in anderen Dimensionen nieder. Das Goethe-Institut hat lokale Kontakte und arbeitet stark dezentralisiert, um gewissermaßen der »Peking-Falle« zu entgehen: nur den Blick auf die Hauptstadt zu haben und die – sehr andere – Realität in anderen Ecken Chinas auszublenden. Und es hat ein aktives, beliebtes Account auf der relevantesten Social-Media-Plattform (Sina Weibo), mit mehr als zehntausend Followern. Das dient nicht nur der Werbung, sondern auch der Beobachtung von Reaktionen und Feedback auf Veranstaltungen, denn nirgends ist man so am Puls des Publikums wie auf dieser Microblogging-Plattform.

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