freelance translator. freelance project manager, organisator. likes to build bridges.
interested in China, Chinese (digital) culture & new media art, social media, translation & more.

Han Han: Über Freiheit

Chinesische Originalfassung: Han Hans Blog

In „Über Revolution“ habe ich gesagt, dass jeder Mensch eine andere Form von Freiheit anstrebt. In „Über Demokratie“ habe ich gesagt, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein Prozess des Verhandelns sind. Zu Weihnachten kann es noch so viele Preisnachlässe geben, aber gratis werden die Geschenke nicht sein. Also beginne ich jetzt mit meinen Verhandlungen.

Zuerst verlange ich als Kulturschaffender im neuen Jahr mehr Freiheit für meine kreative Arbeit. Dass ich das nie als xx-Freiheit oder yy-Freiheit beschrieben habe, liegt daran, dass diese beiden Begriffe einem unbewusst Angst machen und wachsam werden lassen. Auch wenn diese Freiheiten von der Verfassung garantiert sind, wurden sie bis jetzt nicht wirklich  umgesetzt. Gleichzeitig will ich – im Namen meiner Kollegen – auch ein paar Freiheiten für die Medien fordern. Die Medien sind nach wie vor streng kontrolliert. Und da sind noch meine Freunde aus der Filmbranche. Sie können sich nicht vorstellen, wie sie leiden. Die Arbeit im Kulturbereich ähnelt einem Gang durch ein Minenfeld: Wenn man auf eine Mine tritt, wird man in Stücke gerissen. Und wenn man nicht auf eine Mine treten will, muss man langsam gehen und Umwege machen. Diese Freiheiten sind aber ein Trend unserer Zeit. Sie haben sie uns versprochen. Ich weiß, dass Sie den Fall der Sowjetischen KP studiert haben und glauben, der Fall der Sowjetunion sei zum Großteil darauf zurückzuführen, dass Gorbatschow die Pressezensur gelockert und die höchste Macht verfassungskonform von der Partei an die Volksvertretung abgegeben hat. Das lässt Sie hinsichtlich Pressefreiheit und Verfassungsfragen besonders vorsichtig sein.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die modernen Kommunikationstechnologien haben Zensur sinnlos gemacht. Die Restriktionen im Kulturbereich verhindern, dass die chinesische Literatur oder das chinesische Kino internationale Bedeutung erlangen. Und wir Kulturschaffende können nicht stolz auf uns sein. Gleichzeitig hat China auch keine international einflussreichen Medien, denn viele Dinge können auch mit sehr viel Geld nicht gekauft werden. Kultureller Reichtum ist in Wirklichkeit ganz billig zu haben: Je weniger Beschränkungen, desto größer der Reichtum. Aber wenn Sie immer wieder betonen, dass die Kultur in China keinen Beschränkungen unterworfen sei, dann sind Sie unaufrichtig. Im neuen Jahr möchte ich die Behörden inständig bitten, der Kultur, den Verlagen, den Medien und dem Kino mehr Freiheiten zu gewähren.

Wenn dies tatsächlich umgesetzt und ein freieres Umfeld geschaffen wird, dann mache ich, was meine Person angeht, folgende Versprechungen: Ich werde keine alten Rechnungen begleichen; ich werde vorwärts blicken; ich werde keine historisch sensiblen Themen aufgreifen; ich werde die Familien der Führungsriege und ihre Interessen nicht diskutieren oder kritisieren; ich werde nur aktuelle soziale Probleme kritisieren und kommentieren. Am besten wäre es freilich, wenn sowohl Kulturschaffende als auch Behörden einen Schritt zurück machen und einen vorab festgelegten Minimalstandard einhalten würden, um einander mehr Spielraum zu verschaffen.

Aber wenn sich die Dinge in drei Jahren nicht zum Besseren gewendet haben, dann werde ich persönlich bei jeder Jahresversammlung des Schriftstellerverbandes oder der Chinesischen Vereinigung für Literatur- und Kunstschaffende anwesend sein oder vor der Tür stehen, um zu protestieren. Das mag lächerlich erscheinen und wie ein Kampf zwischen David und Goliath anmuten, aber das ist es, was ich persönlich tun kann. Natürlich werde ich allein hingehen und weder meine Kollegen noch meine Leser dazu anstiften. Ich werde nicht die Zukunft andrer Menschen benutzen, um meinen Lebenslauf aufzupolieren. Gleichzeitig glaube ich an den Charakter unserer Generation, daher glaube ich, dass diese Freiheiten früher oder später kommen werden. Ich hoffe nur, dass sie eher früher als später kommen werden: Weil ich glaube, dass ich dann noch besser schreiben kann, möchte ich nicht warten, bis ich alt bin. Lasst mich da also dabei sein!

Das sind meine persönlichen Forderungen für mein berufliches Umfeld. Ich habe das Gefühl, dass wir in dieser sehr fruchtbaren Diskussion mehr Gewicht auf die Frage legen sollten, wie wir dort hinkommen, als auf die Frage, wie das Ziel ausschauen sollte. Es heißt, dass ein Mensch nur einen Wunsch pro Mal aussprechen kann. Ich habe also meinen Wunsch schon aufgebraucht. Andere Wünsche wie Fairness, Gerechtigkeit, Gesetzlichkeit, politische Reformen und alles andere müssen die Freunde, die sie brauchen, formulieren. Auch wenn ich glaube, dass Freiheit nicht für jeden die höchste Priorität hat, so glaube ich doch, dass niemand ständig in Angst und Unsicherheit leben will. Ich wünsche mir, dass jene, die kein Geld haben, in einer gerechten Gesellschaft reich werden können, und dass jene, die Geld haben, sich den Ausländern nicht mehr unterlegen fühlen müssen, weil sie nichts anderes als Geld haben. Ich wünsche mir, dass alle jungen Menschen diese Weihnachten angstlos über Revolution, Reform und Demokratie sprechen können, sich über die Zukunft des Landes Gedanken machen und es als Bruder und Schwester betrachten. Politik ist nicht schmutzig, Politik ist nicht uninteressant, Politik ist nicht gefährlich. Gefährliche, uninteressante, schmutzige Politik ist keine echte Politik. Chinesische Medizin, Schießpulver, Seide und Pandas können uns keinen Ruhm einbringen; die hundert Louis-Vuitton-Taschen der Frau des Landrats können uns auch nicht wirklich Respekt verschaffen. Ich wünsche mir, dass die herrschende Partei mutig voranschreitet und in die Geschichte, die nicht nur von ihr selbst geschrieben wird, eingeht.

One Comment

  1. [...] drei Texte hier in deutscher Übersetzung: Über Revolution, Über Demokratie, Über Freiheit Schlagwörter:China, Internet, Kulturpolitik, Öffentlichkeit, Politik, Zensur Kommentar (RSS) [...]

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.