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Zu Gast in der 2666 Library: Lawrence Liang und Tangcha Project

Ein Kleinod an sich in Shanghai sind die 静安别墅,die Jing’an-Villen, ein Viertel, in dem die Zeit (fast) stehen geblieben zu sein scheint: die typischen Shanghaier Lane-Häuser, wo die “Ureinwohner” wohnen, sich aber auch eine ganze Reihe von Kaffees, Shops usw. angesiedelt sich haben (wobei es in letzter Zeit stiller geworden ist, weil die Bewohner sich durch den Kommerz gestört fühlten und etliche nicht genehmigte Lokale schließen mussten). Und ein ganz besonderes Kleinod ist die 2666 Library, eine privater “Buchklub”, der von fünf Shanghainese betrieben wird (u. a. der Shanghaier Redakteur von Chutzpah, sich über Mitgliedsbeiträge finanziert, wo man Bücher ausborgen kann, Tee trinken und schmökern kann – und wo seit Mai 2011 regelmäßig Veranstaltungen, die irgendwie mit dem Publishing-Sektor zu tun haben, organisiert werden. Das Publikum ist spezialisiert: Die meisten sind Redakteure, Lektoren, Übersetzer … 2666 beherbergt hin und wieder den “Sunday Book Club”, eine Gruppe von Buchenthusiasten und Profis, die jeweils ein Buch diskutieren, das alle Teilnehmer im vorhinein auch gelesen haben (sollten). Auch dieser Klub ist ziemlich hochkarätig.

Am 9. Dezember war Lawrence Liang vom Alternative Law Forum in Bangalore zu Gast bei 2666.  Eingeladen hat ihn die Westheavens Plattform 西天中土,einer Initiative für China-Indien-Exchange des Institute of Visual Culture (der China Academy of Art) und der Hanart TZ Gallery. Am 11. Dezember war Tangcha Project (唐茶计划) zu Gast, mit einer eBook-Präsentation: 天生八卦von Sheng Yun. Anschließend Diskussion über digitales Publishing mit dem Kopf hinter dem Projekt, Lawrence Li (der mir wegen dieses Projekts als Super-Übersetzer abhanden gekommen ist …).

Das Thema von Lawrence Liangs Präsentation war die Bedeutung von Piracy und Kopien (der Begriff leitet sich vom lateinischen “copia” ab, das auch “Überfluss” bedeutet) für die Demokratisierung von Technologie und Access, der nicht von einem Staat definiert wird, der als Access-Kontrolleur auftritt und bestimmt, was den Menschen zu gefallen hat und ihnen gut tut, also als Zensor. Liang spricht von “Post-Piracy”, wenn er untersucht, was Piracy tut (und nicht was Piracy ist) und welche Film-Kultur daraus entsteht. Dabei schaut er sich vor allem die Content-Seite an und zeigt, wie “Piraten” zu “Kuratoren” und Kritiker werden, wenn sie z. B. nach Kundenwünschen Sammlungen von Filmen zusammenstellen und als neue DVD-Sets “herausbringen”. Oder aus raubkopierten Filmen Ausschnitte so zusammenstellen bzw. ein Remake schaffen, dass ein neuer Film entsteht, der den Erwartungen der Zuseher eher entspricht als das Original (Superman 4 fliegt für den Geschmack des indischen Publikums zu wenig und redet zu viel, also hat ein indischer Raubkopierer kurzerhand seinen eigenen Superman-Film auf Superlowbudget gedreht …). Dabei ist ein Begriff für Liang zentral: Cinephilie – denn ohne Hingabe an den Film ist so eine Kreativität nicht möglich: ein Aspekt, der im regulären Anti-Piracy-Diskurs nie auftaucht.

Das zweite Event beschäftigte sich mit Fragen des digitalen Publizierens. Das Tangcha-Project hat es sich zum Ziel gesetzt, hoch qualitative digitale Bücher zu veröffentlichen, und zwar vorerst als App für iPad / iPhone, 2012 dann auch für die Android-basierten Geräte. Dabei wird besonderes Augenmerk auf Typografie und Layout gelegt. Die veröffentlichten Bücher sind z. T. nur digital erhältlich, wie das heute vorgestellte Buch von Sheng Yun über Klatsch in der Shanghaier Kulturszene, andere wiederum sind die digitalen Ausgaben von Printausgaben, wie z. B. die chinesische Übersetzung der Biografie von Steve Jobs oder von “Out of Control” von Kevin Kelly. (Tangcha gehört zu der Firma, die auch zwei große kollaborative Übersetzungsplattformen betreibt: Yeeyan und Dongxi wang). Dass Apple genauso streng sein kann wie die chinesischen Zensoren, hat das Team bei seiner geplanten fünften Veröffentlichung gemerkt: Der Roman “Bu er” (不而“ von Feng Tang (冯唐),  der in China als Print-Publikation nicht veröffentlicht werden darf, hat auch die Apple-Qualitätskontrolle nicht passiert und ist als “pornografisch” abgelehnt worden.

Digitale Publikationen wie die von Tangcha können über den App-Store von Apple gekauft werden, sie haben aber keine ISBN-Nummer (die nur “offizielle”, staatliche chinesische Verlage erhalten), aber offenbar von der chinesischen Zensur geduldet werden. Eine andere eben gestartete eBook-Initiative, das Projekt Read von Douban 豆瓣 (http://read.douban.com) hingegen veröffentlicht nur Werke, die eine ISBN haben.

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