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Hu Yong: Bürgerjournalismus in China

Dieser Text ist ein Exzerpt aus einem längeren Text und wird im Katalog zur Ars Electronica 2011 veröffentlicht. Hu Yong ist einer der Sprecher der Konferenz “public square squared – how social fabric is weaving a new era” (4. September 2011, Brucknerhaus Linz), die von Isaac Mao und David Sasaki kuratiert wird.

Bürgerjournalismus in China

Hu Yong

In China existiert in der Praxis kein Mechanismus, der die Meinung von Bürgern tatsächlich berücksichtigt und diese Meinung in den politischen Entscheidungsprozess einbringt. Außerdem kommt die Justizreform nur schleppend voran, und die chinesischen Medien unterliegen staatlicher Zensur. Das alles sind Faktoren, die dazu führen, dass Bürgerjournalisten und die von ihnen artikulierte öffentliche Meinung in der chinesischen Öffentlichkeit eine besondere und sehr prominente Rolle spielen. Ich unterscheide vier verschiedene Arten des Einflusses von Bürgerjournalismus auf die chinesische Politik und Gesellschaft.

1 Verantwortliche Politik

Da das Internet weniger als andere Medien durch gesellschaftliche Normen und institutionalisierte politische Autorität eingeschränkt wird, hat die früher unsichtbare Meinung der Bürger dort einen extrem hohen Grad an Sichtbarkeit erlangt. Auch wenn die meisten Chinesen als Teil einer „stummen Mehrheit“ angesehen werden können – mit dem Internet haben sie eine Gelegenheit zur Meinungsäußerung bekommen und eine in ihren Augen für dieses Medium angemessene Vorgangsweise entwickelt. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass die „Netzbürger“ (netizens) versuchen, im Rahmen der Verfassung und anderer rechtlicher Bestimmungen die Machthaber zur Rechenschaft zu ziehen und in einer Gesellschaft, in der Funktionären bislang eine sehr privilegierte Sonderstellung zugebilligt wurde, langsam den Samen für eine politische Accountability zu säen.

Wenn die Netzbürger Politiker zur Rechenschaft zu ziehen versuchen, bedienen sie sich unter anderen einer Methode, die „Human Flesh Search“ 1 genannt wird. Bei einer „Human Flesh Search“ schließen sich User in Online-Communities zusammen, um die Hintergründe eines Ereignisses oder Details über eine Person zu recherchieren und diese Erkenntnisse dann zu veröffentlichen. In den letzten Jahren ist es bereits mehrmals vorgekommen, dass Funktionäre ihre Ämter zurücklegen mussten, weil das „Netzvolk“ mittels dieser Methode Skandale aufgedeckt hat.

Als im Oktober 2008 der Parteisekretär der Maritime Safety Administration der Stadt Shenzhen, Lin Jiaxiang, verdächtigt wurde, ein kleines Mädchen obszön belästigt zu haben, stellten Netzbürger ein Video, das ihn im Streit mit den Eltern des Kindes zeigt, ins Netz. In den Untertiteln des Videos (das Video selbst war ursprünglich ohne Ton) äußerte sich Lin Jiaxiang den Eltern gegenüber sehr überheblich, was bei den Netzbürgern auf großes Missfallen stieß und sie eine „Human Flesh Search“ starten ließ. Am 3. November wurde Lin vom Parteisekretariat des Transportministeriums all seiner Ämter innerhalb und außerhalb der Partei enthoben, weil seine in trunkenem Zustand gemachten Äußerungen in der Öffentlichkeit ein extrem schlechtes Image vermittelten.

Im Dezember 2008 wurde in Nanjing Zhou Jiugeng, der Chef des Wohnbauamtes des Bezirks Jiangning in Nanjing, seines Amtes enthoben, weil Fotos, die zeigten, wie er während eines Meetings extrem teure Zigaretten rauchte und eine Vacheron-Constantin-Uhr trug, von Netzbürgern veröffentlicht wurden. Am 10. Oktober 2009 wurde Zhou von einem Gericht Nanjing zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fall Zhou Jiugeng ist ein Paradebeispiel für die Rolle, die die Netzbürger im Kampf gegen Korruption spielen.

Im November 2009 wurde der Generalstaatsanwältin Liu Lijie aus dem Arun Banner der Präfektur Hulunbeier in der Inneren Mongolei (einer der ärmsten Kreise in dieser autonomen Region) in Postings vorgeworfen, dass sie eine SUV-Luxuslimousine fuhr. Auch sie wurde später ihres Amtes enthoben.

Im Februar 2010 wurde das Tagebuch des Chefs der Tobacco Monopoly Administration der Stadt Laibin (Guangxi), Han Feng, im Netz veröffentlicht und löste einen wahren Sturm der Entrüstung aus. Nach den Tagebucheinträgen von Jänner 2007 bis Jänner 2008 zu schließen, bestand sein berufliches und privates Leben in erster Linie darin, zu trinken, sich mit Frauen zu vergnügen und Schmiergelder entgegenzunehmen. Er wurde sofort seines Amtes enthoben. Am 14. März beschloss das Parteikomitee des Autonomen Gebiets der Zhuang-Nationalität in der Provinz Guangxi, Han Feng seine Parteimitgliedschaft abzuerkennen und ihn sämtlicher öffentlichen Ämter zu entheben. Am 14. Dezember wurde er von einem Gericht in der Stadt Nanning (der Hauptstadt von Guangxi) wegen Annahme von Bestechungsgeldern zu 13 Jahren Haft und einer Geldstrafe von 100.000 RMB (ca. 11.000 Euro) verurteilt.

Die schnelle Entwicklung des Internet und der damit einhergehenden neuen Kanäle zur freien Meinungsäußerung versetzen manche Funktionäre bereits in Angst und Schrecken. Ein Vertreter des Propaganda-Departments der Provinz Shaanxi bringt es auf den Punkt: „Früher, als es noch kein Netz gab, war alles in Ordnung. Sie haben das gesagt, was wir wollten, dass sie sagen.“2) Im April 2010 organisierte die Zeitschrift *People’s Tribune* (*Renmin luntan*, eine Tochterzeitschrift von *People’s Daily*) eine Umfrage zum Thema „Die Angst der Funktionäre vor dem Internet“. Dabei meinte der Sekretär eines Kreisparteikomitees: „Im Netz, wie es jetzt existiert, laufen die Funktionäre Gefahr, eine ‘schwache Gruppe’ zu werden.“ 3) Das Ergebnis dieser Umfrage ergab, dass 70 Prozent der Befragten meinten, die chinesischen Funktionäre litten an „Internet-Angst“. Als das Umfragezentrum von *People’s Tribune* in einer Fragebogenaktion 300 Funktionäre aus Partei und Politik fragte, welche Kategorie von Funktionären die Kontrolle durch das Netz am meisten fürchteten, reihten 47 Prozent der Befragten „Funktionäre auf Kreisebene“ an die erste Stelle. Auch aus Interviews von Journalisten weiß man, dass leitende Funktionäre der Propaganda-Departments und Sekretäre von Kreisparteikomitees das Netz am meisten fürchten. 4)

Bei einer unter Netzbürgerns durchgeführten Umfrage gaben 71,5 Prozent der Befragten an, sie selbst würden am „Kampf gegen Korruption“ teilnehmen, und 77,5 Prozent würden, wenn sie auf „ungesunde Erscheinungen“ in der Gesellschaft stoßen, diese im Netz anprangern. Die Zeitung *Procuratorial Daily* (*Jiancha ribao*, eine Zeitschrift des Obersten Volksgerichtshofs) kommentiert das Umfrageergebnis folgendermaßen: „Von allen Nachrichtenmedien ist das Netz jene öffentliche Plattform zur Meinungsäußerung, die vergleichsweise am besten der sozialen Verantwortung nachkommt, die Öffentlichkeit als Kontrollinstanz bei der Korruptionsbekämpfung zu repräsentieren … das Internet stellt inzwischen eine machtvolle Waffe dar, wenn es darum geht, Bürokratismus, Formalismus und Korruptionserscheinungen wie das Ausnutzen von Machtpositionen für persönlichen Nutzen einzudämmen.“ 5)
Im Internet hat die Allgemeinheit endlich einen öffentlichen Raum gefunden, in dem sie sich relativ (angst)frei bewegen kann und wo sich Emotionen und Kritik Bahn brechen können. Dies erklärt auch, warum es in den chinesischen neuen Medien, verglichen mit anderen Medien, weniger „friedlich“ und „vernünftig“ zugeht. Und es ist auch ein Indiz dafür, dass dem Internet angesichts der speziellen politischen Verhältnisse, die in China herrschen, eine viel stärker politische Bedeutung zukommt.

2 Informationspolitik

Wer im Netz sachlich und wahrheitsgemäß Informationen publiziert, nimmt in gewissem Sinne die Rolle eines „Zeugen“ ein. Sehr oft dokumentiert ein solcher Zeuge nicht nur die „Wahrheit“ über ein Ereignis für die Nachwelt, sondern kann auch die Meinung des Volkes kristallisieren und die Lösung sozialer Probleme vorantreiben. Liu Wenjin schreibt: „In der jetzigen Gesellschaft ist die ‘Ur-Sünde’ der Menschen nicht so sehr das Nichtwissen, sondern das ‘Schauen, ohne zu sehen’“ 6)
Natürlich ruft in der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft die Hoffnung, dass Menschen wirklich „sehen“, bei manchen auch Angst hervor. Der Grund dafür liegt darin, dass in diesem „Sehen“ eine nicht zu unterschätzende Macht liegt: Es ist die Macht des „Augenzeugen“, der Erinnerung, des Sich-Umeinander-Kümmerns. In einem aufsehenerregenden „Lockvogel“-Skandal in Shanghai, in dem die Polizei involviert war, hat der Anwalt Hao Jinsong dem Richter Huang Jiang, der der Partei, die zu einer strafbaren Handlung provoziert wurde, mit den Worten „Sie müssen gehorchen!“ gedroht hatte, die berühmte Antwort gegeben: „Ich sage Ihnen: Alles, was Sie hier sagen, kann dank des Internet innerhalb von 24 Stunden die ganze Welt erfahren!“ 7 Fälle wie dieser zeigen, dass das Internet ein natürlicher Verbündeter der chinesischen Netizens ist, denn es erlaubt ihnen, ihre Testimonials im Prozess der Suche nach der Wahrheit hinter Ereignissen und der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit so einzusetzen, dass sie die größtmögliche Wirkung entfalten können.

Sehr oft wird eine Information über ein aktuelles Ereignis zuerst von Netizens publiziert und dann erst von Printmedien und Fernsehen aufgegriffen. Bürgerjournalismus kann wie ein Barometer fungieren: Anhand der Reaktionen von Netizens kann man abschätzen, ob eine Neuigkeit von den Mainstreammedien weiterverfolgt wird oder werden soll. Hot Topics kommen oft auf die folgende Art und Weise zustande: Leute, die gewisse Informationen pushen wollen, kommentieren beharrlich auf einigen einflussreichen Webseiten Artikel mit hohen Zugriffswerten; diese Kommentare werden dann weitergeleitet, und sobald sie ein gewisses Momentum erreicht haben, schalten sich dafür empfänglichen traditionelle Medien ein und veröffentlichen Interviews und Hintergrundstorys. Dabei orientieren sie sich an den Kommentaren der User, und dadurch entstehen sehr schnell Synergien zwischen netzbasierten und traditionellen Medien.

Gleichzeitig bilden die Bürger-Medien auch einen Feedback-Mechanismus für traditionelle Medien und übernehmen die Rolle eines Verstärkers, aber auch eines „Mixers“. Über den Fall Sun Zhigang 8 berichteten zum Beispiel zuerst die traditionellen Medien der Provinz Guangdong, aber die vertiefte Berichterstattung und Analyse konzentrierte sich auf Webseiten wie Sina.com, sohu.com, people.com.cn, Xinhuanet.com. Hier arbeiteten netzbasierte und traditionelle Meiden Hand in Hand und formten so einen Konsens in der öffentlichen Meinung. Auch in einem anderen Fall haben zuerst Printmedien Zweifel an der offiziellen Darstellung angemeldet, die dann im Netz weiterverbreitet und gebündelt wurden. Durch eine enge Interaktion zwischen Print- und Online-Medien konnte sich eine partizipativere öffentliche Meinung herauskristallisieren.

Diese Informationspolitik hat das chinesische Medienökosystem bereits nachhaltig verändert. Vor 2003 waren die traditionellen und die sogenannten neuen Medien zwei vollkommen voneinander getrennte Welten, weil die traditionellen Medien die Berichterstattung in den neuen Medien nicht zur Kenntnis nahm. Aber in den Folgejahren wurde diese Trennung durchbrochen, und inzwischen besteht sehr oft eine fruchtbare Interaktivität zwischen den neuen Medien und den Mainstream-Medien: Gemeinsam veränderten sie die Form der Berichterstattung. Die relative Transparenz der neuen Medien führte dazu, dass auch die althergebrachten Nachrichteninstitutionen offener und interaktiver wurden.


3 Politik des Widerstands

Im heutigen China fehlt es im Allgemeinen an wirksamen Kanälen für politische Partizipation und Interessenvertretung. In einem solchen Umfeld sind Personen und Institutionen, die ihre Interessen nicht verteidigen können, gezwungen, hoch riskante Methoden des Widerstands anzuwenden, um ihre Bedürfnisse zu artikulieren und Kompensation zu erlangen. China durchläuft im Moment einen noch nie dagewesenen Transformationsprozess, im Zuge dessen die Methoden des Widerstandes immer komplexere Formen annehmen.

Im Moment steht China am Anfang einer Ära, in der um „Rechte“ gerungen wird: Bauern, Arbeiter und die erst seit kurzem bestehende Mittelschicht kämpfen alle um ihre „Bürgerrechte“. Egal, um welche Gruppe es sich handelt: Der Kampf um ihre Rechte ist ohne den vollen Einsatz des Internet nicht vorstellbar. Das Internet spielt vor allem bei der Meinungsäußerung und beim Organisieren von Aktivitäten eine herausragende Rolle: Durch die relativ ungehinderte Meinungsäußerung verändert sich die kollektive Wahrnehmung und bildet einen Rahmen für kollektives Handeln. Fehlen diese Wahrnehmung bzw. dieser Bezugsrahmen, kann sich kollektives Handeln nur schwerlich herausbilden. Gleichzeitig kann über das Internet auch eine Resonanz in der öffentlichen Meinung ausgelöst und Unterstützung für eine gesellschaftliche Bewegung gewonnen werden.

Aber ein anderer Aspekt ist vielleicht noch wichtiger: Da in China zurzeit keine vollständig ausgebildete Zivilgesellschaft existiert und die formellen gesellschaftlichen Institutionen die Menschen nicht zu motivieren vermögen, kann das Internet genau diese Beschränkungen überwinden und mit einer „nicht-organisierten organisierten Kraft“ den Bürgern helfen, eine rationale, wirkungsvolle Aktivität zu entfalten.

Fälle von Widerstand stehen in China an der Tagesordnung, wobei einander Online- und Offline-Situationen oft aufschaukeln. Dies ist auch eine Warnung an die Regierung: Eine gesunde gesellschaftliche Ordnung braucht eine normale, institutionalisierte Governance; es dürfen die Bürger nicht gezwungen werden, die überall virulenten sozialen Widersprüche und Konflikte zu sehr ins Netz zu verlagern, wo sie zu „News“ werden, oder im Internet direkt mit höheren Führungsebenen Kontakt aufzunehmen, um eine Lösung zu finden.

Einige weise lokale Funktionäre haben bereits über ihre persönliche Erfahrung mit dem Internet einen für chinesische Verhältnisse tauglichen Weg gefunden, um auf unerwartete Ereignisse zu reagieren. Zum Beispiel will der Shanghaier Parteisekretär Yu Zhengsheng „über Fakten schnell und über Hintergründe vorsichtig berichten“. Er sagt: „Wie soll man mit öffentlichen Ereignissen umgehen? Erstens: Man muss schnell reagieren. Man muss eine Erklärung liefern. Bei großen Fällen, die die öffentliche Sicherheit berühren, muss man die Fakten schnell auf den Tisch legen. Bei schwerer Kritik an der Regierung muss man schnell reagieren, egal, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht. Jedenfalls braucht man eine Antwort, wenn die Regierung hinterfragt wird. Und wenn man keine Antwort hat, muss man zugeben, dass wir diese Fragen noch nicht analysiert haben und wir jetzt noch keine Antwort liefern können. Zweitens muss man sich von den Fakten leiten lassen. Drittens muss man den Schwerpunkt auf die Institutionen legen.“ 9

Auch der frühere Parteisekretär der Provinz Anhui, Wang Jinshan, meint: „Im Fall von Internet-Ereignissen funktioniert ‘Verstecken’ auf keinen Fall; ‘blockieren’ funktioniert auch nicht, und ‘hinausschieben’ kann noch weniger die Lösung sein. Nimmt man eine negative Haltung ein, ist man immer in die Defensive; nur wenn man proaktiv handelt, kann man Führerschaft übernehmen. Zwei Dinge sind besonders wichtig: Erstens ist eine rasche Reaktion unumgänglich. Man muss gleich im ersten Moment die Nachricht aufgreifen und sich dazu äußern. Man muss lesen, was im Netz geschrieben wird, man muss dort Stellung beziehen. Man darf weder schweigen noch versuchen zu täuschen. Man muss sowohl schnell als auch umsichtig agieren. Zweitens muss immer die Lösung des Problems das Ziel sein. Man muss einerseits mithilfe des Internet versuchen, die Situation zu verstehen und wertvolle Informationen sammeln, andererseits muss man diese Informationen analysieren und wahr und falsch unterscheiden und den Netizens eine verantwortungsvolle Antwort liefern, sodass das Problem wirksam gelöst werden kann.“ 10

4 Symbolische Politik

Der Begriff „Symbolische Politik“ meint, durch den Einsatz von Symbolen und Narrativen einem Ereignis einen Rahmen zu geben und so die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Das Netz fördert ganz massiv die Produktion und Verbreitung von Bild-Symbolen. Daher setzen Aktivisten bei der Mobilisierung im Internet vor allem Bilder und digitale Videos ein, um dadurch eine mächtige symbolische Wirkung zu erzielen. Zum Beispiel kann die vorher erwähnte Politik des Widerstands wegen ihrer Radikalität und Dramatik sehr leicht im Netz Verbreitung finden und die Meinung der Netizens aktivieren. Wenn zu Beispiel im Zuge des Widerstandes schockierende Bilder oder Videos auftauchen, werden nicht nur die Ereignisse in zugespitzter Form berichtet, sondern es werden auch konstruierte Werte verbreitet. Zwischen aktuellen sozialen Bewegungen und den Medien besteht eine enge Beziehung, und bis zu einem gewissen Grad sind die solche gesellschaftlichen Bewegungen ihrem Wesen nach ein Medienkrieg. Das bedeutet aber auch, dass die „visuelle Mobilisierung“ einen zentralen Stellenwert innehat.

Zum Beispiel hat Qian Gang, ein Wissenschaftler der Hong Kong University, bei der Untersuchung der Informationsverbreitungskette bei einem berühmt gewordenen Fall von Selbstverbrennung – in der Stadt Chengdu (Provinz Sichuan) hat sich Tang Fuzhen als Zeichen des Widerstands gegen den gewaltsamen Abriss ihres Hauses am 13. November 2010 auf dem Dach ihres Hauses selbst verbrannt – herausgefunden, dass der Höhepunkt des Nachrichtenstroms einsetzte, nachdem das zentrale chinesische Fernsehen am 2. Dezember um 21.30 den Bericht „Tod einer Umgesiedelten“ ausstrahlte und ein Handy-Video von Tangs Selbstverbrennung zeigte. Dieser „Video-Effekt“ führte im Internet unmittelbar zu einer Explosion von Kommentaren zu der Selbstverbrennung. 11 Bei einem weiteren von Qian untersuchtem Fall von Selbstverbrennung in Yihuang 12 wurden ebenfalls Videos und Bilder der Selbstverbrennung ins Netz hochgeladen. Vor allem nachdem auf Mikroblog-Seiten Fotos von Zhong Rujiu, einer Angehörigen der betroffenen Familie, aufgetaucht waren und zeigten, wie sie von einigen Funktionären gewaltsam weggezerrt wurde, verbreitete sich die Nachricht sehr schnell und wurde zu einem viel diskutierten Ereignis.

Außerdem betreiben die chinesischen Netzbürger mit einer speziellen Form von „Satire“ eine „Fantasie-Rache“: In diesen Satiren wird den Machtlosen Macht verliehen und den Mächtigen die Macht entrissen. Als zum Beispiel 2009 die Netizens gegen die Installation einer Software namens „Grüner Damm“ („Green Dam Youth Escort“ 13) in jedem PC auf die Barrikaden stiegen, tauchten satirische Bilder, Videos und Songs auf, und fantasiereiche Netizens erfanden die Comic-Figur „Maid des Grünen Damms“: Diese Maid trug Armbinden mit der Aufschrift „Disziplin“ und einen Hut mit dem Emblem der „Flusskrabben“ (eine Anspielung auf die Internet-Zensur). In einem Arm hielt sie zwei glücksbringende Hasen (das Maskottchen des Grünen Damms), im andren einen Kübel mit Farbe, um die hässlichen Stellen im Internet zu übertünchen. Rund um diese Figur entstand mit Story, Song und verschiedenen Begleitprodukten wie T-Shirts und Spielen eine ganze Serie an Comicfiguren, ja, manche Netizens meinten ganz „stolz“, dass dies wahrscheinlich die erste chinesische Comicfigur sei, bei der kein Copyright verletzt wurde.

Obwohl der Bürgerjournalismus in der speziellen politischen und sozialen Situation Chinas eine so vielfältige und wichtige Rolle spielt, darf man nicht vergessen, dass die Entwicklung des chinesischen Bürgerjournalismus keineswegs glatt verläuft, sondern auf drei Arten von Hindernissen stößt: Journalisten werden von der chinesischen Regierung streng kontrolliert, was dazu führt, dass Bürgerjournalisten keinen legalen Status besitzen; Journalisten traditioneller Medien nehmen gegenüber den Bürgerjournalisten eine ausgrenzende Haltung ein, weil sie ihren eigenen Berufsstand schützen wollen; die Bürger setzen zu große Hoffnungen in die Bürgerjournalisten, wenn es um die Lösung von Problemen geht, was zu einem Glaubwürdigkeitsvakuum für die Bürgerjournalisten führen kann.

Schluss

Kann ein Augenzeuge, der keinen Presseausweis besitzt, Informationen im Netz verbreiten? In der speziellen chinesischen Medienlandschaft gibt es viele Menschen, die keine professionellen Journalisten, sondern mit Kamera und Blog/Mikroblog ausgerüstete Bürger sind, die in einer Zeit, in der die traditionellen Medien oft einen Maulkorb umgehängt bekommen, an Ereignisse von großer Tragweite teilnehmen.

Internet und Mobiltelefon führen dazu, dass wir alle, wo immer wir uns auch befinden, unser gesellschaftliches Umfeld beobachten und, wenn wir das Bedürfnis verspüren, unsere Sicht der Dinge, unsere Kritik oder Sorge in den öffentlichen Diskurs einbringen können. Die verschiedenen Formen vernetzter Öffentlichkeit bewirken, dass jeder einzelne über einen Kanal verfügt, wo er seine Meinung äußern, Fragen stellen oder recherchieren kann, ohne auf Medienorganisationen angewiesen zu sein. Es entstehen neue Formen der Dezentralisierung und Machtaufteilung, was wiederum neue Formen der Kontrolle, neue politische Diskussionen und Organisationen ermöglicht und Themen und Diskurse beeinflusst. Mit einem Wort: Die Menschen, die bislang lediglich Rezipienten waren, werden nun zu potenziellen Teilnehmern am politischen Dialog und potenzielle Akteure auf der politischen Bühne.

Diese Mobilisierung, dieser Aktivismus des „Netzvolkes“, die zurzeit in kleinem Maßstab stattfinden, können sich zu einer grundlegenden, breiten Forderung nach Respekt und Gerechtigkeit ausweiten. Daraus wird sich keine revolutionäre, sondern eine transformative Bewegung entwickeln, die sich für eine langsame Umgestaltung von Nation und Gesellschaft einsetzt und zum Wohlergehen der Gesellschaft insgesamt beiträgt.

Anmerkungen

1 Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Renrou_Sousuo

2 Zheng Tingxin: „Wenn der Schuldirektor auf den Kreischef trifft“, in: Southern People Weekly, 25. 1. 2008,http://www.infzm.com/content/4859

3 „Den Funktionären aus der Seele gesprochen: Im Netz sind die Funktionäre eine ‘schwache Gruppe’“, in: People’s Tribune, 6. 5. 2010, http://politics.people.com.cn/GB/1026/11535839.html

4 „Umfrage: Chef von Propaganda-Departments und Kreisparteikomitee-Sekretäre fürchten die Kontrolle durchs Netz am meisten“, in: People’s Tribune, 6. 5. 2010,http://politics.people.com.cn/GB/1026/11535806.html

5 „Für dreiviertel der Bürger ist das Netz für die Aufdeckung von Missständen. Die Korruptionsbekämpfung seitens der Bürger wartet auf Anerkennung durchs System“, in: Procuratorial Daily, 11. 11. 2010, http://leaders.people.com.cn/GB/13185774.html

6 Liu Wenjin: „Wir sehen einander – Eindrücke nach der Verleihung des Simone-de-Beauvoir-Preises an Ai Xiaomin und Guo Jianmei“, in: 21st Century Review, April 2010, S. 121

7 Zitiert nach dem Blog von He Bing: „Richter Huang Jiang: Welchen Schaden haben Sie dem höchsten Gerichtshof zugefügt?“, 28. 10. 2009, http://blog.sina.com.cn/s/blog_486bea1a0100fam9.html

8 Auf dem Weg in ein Internet-Café wurde Sun Zhigang, ein Migrant in Guangzhou, von der Polizei aufgehalten und nach seinem Ausweis gefragt. Als Sun antwortete, er habe den Ausweis zuhause vergessen, nahmen ihn die Polizisten auf eine Polizeistation in der Nähe mit. Als sein Chef und Freunde am Tag darauf mit den notwendigen Papieren auftauchten, war Sun bereits in ein Anhaltelager für Obdachlose überstellt worden. Zwei Tage später, am 20. März, war er tot, das Opfer brutaler Schläge in der Krankenabteilung des Zentrums. Siehe: http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,458835,00.html#ixzz1Q5zPOpUo

9 „Yu Zhengsheng über den Aufbau der Partei in Shanghai: mit aller Kraft die Institutionen erneuern und die konkrete Arbeit vorantreiben“, in: Liberation Daily, 17. 11. 2009, http://sh.sina.com.cn/news/2009-11-17/0836122886.html

10 „Wang Jinshan: Wenn führende Funktionäre online gehen, dann ist es eine Art inoffiziellen Besuchs“, in: People’s Daily, 23. 11. 2009, http://leaders.people.com.cn/GB/10424980.html

11 Der berühmteste Fall von individuellem Widerstand des Jahres 2010 fand in der Familie Zhong in Yihuang (Provinz Jiangxi) statt. Drei Personen setzten sich im Zuge eines Konflikts am Morgen des 10. Septembers 2010 in Brand, als das Haus der Familie Zhong im Dorf Fenggang in Fuzhou im Kreis Yihuang demoliert wurde. Fotos, die von dieser Selbstverbrennung gemacht wurden, zirkulierten in Lichtgeschwindigkeit auf den wichtigsten chinesischen Webseiten, inklusive populärer Mikroblogs. Als über den Fall auf den Mikroblogs quasi „live“ berichtet wurde, versuchte jemand die führenden Politiker des Kreises Yihuang via Telefon und SMS zu warnen, aber es gelang nicht, die Aufmerksamkeit der Politiker zu gewinnen. Die Funktionäre hatten nicht vorausgesehen, dass dieser „Zwischenfall“ dank der Berichterstattung auf Mikroblogs zu einem öffentlichen Ereignis werden könnte. Sie wurden schließlich zur Verantwortung gezogen: Die Regierung der Provinz Jiangxi kündigte am 10. Oktober 2010 an, dass der Parteisekretär und andere leitende Funktionäre von Yihuang ihrer Ämter enthoben würden. Das war das erste Mal in den letzten Jahren, dass lokale Funktionäre für eine Zwangsdemolierung zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Regierung der Stadt Fuzhou ordnete an, die Demolierung des Hauses der Familie Zhong zu stoppen.

12 Qian Gang: „Die Informationsverbreitungskette rund um Tang Fuzhens Selbstverbrennung“, in: Media Digest, 14. 1. 2010,http://www.rthk.org.hk/mediadigest/20100114_76_122514.html

13 Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Damm

Aus dem Chinesischen von Ingrid Fischer-Schreiber

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