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Prix Ars Electronica – Digital Communities 2011

Die Kategorie “Digital Communities” des Prix Ars Electronica wurde dieses Jahr zum achten Mal ausgeschrieben, und zum achten Mal habe ich die Vorarbeiten und die Jurysitzung gemanagt – für mich eines der inspirierendsten Projekte überhaupt, und die Jury-Sitzungen sind mein jährliches Highlight.

Die diesjährige Jury bestand aus Beatrice Achaleke (Wien), Graham Harwood (UK), Aaron Koblin (US), Liu  Yan (China) und Tiago Peixoto (BR), der leider nur via Skype dabei sein konnte.

Wir hatten heuer so viele Nominierungen wie noch nie zuvor, dank unseres Netzwerkes von Beratern (wer heuer dabei war, ist hier gelistet) und rückblickend sind einige Trends festzustellen, sowohl bei den Nominierungen als auch bei den Einreichungen:

  • Crowdfunding ist der Trend. Eingereicht wurden in erster Linie Crowdfunding-Plattformen aus dem Kreativ-Bereich, aber keine war so besonders innovativ, dass sie in die nähere Auswahl gekommen wäre.
  • Mapping-Projekte der verschiedensten Art waren gut vertreten, und ein paar haben es unter die letzten 15 geschafft.
  • Erstaunliche viele Projekte, die Minderheiten-Sprachen dokumentieren und bewahren wollen, haben eingereicht – sodass die Jury sogar anregte, eine eigene “Minority Languages”-Subkategorie einzurichten. Allerdings kam keines der Projekte ins Finale, auch wegen der Schwierigkeiten der Beurteilung und Abschätzung der tatsächlichen Relevanz.
  • Ein weiterer Grenzfall sind künstlerische Projekte, die ein vorab definierte Laufzeit haben, innerhalb dieser Laufzeit aber mit starker Community-Beteiligung arbeiten. Auch diese Projekte fallen im Moment aus der Kategorie, auch hier muss Ars Electronica entscheiden, wie damit umgegangen werden und die Kategorien-Definition dafür geöffnet werden soll.
  • Klassische Digital-Divide-Projekte fielen fast ausnahmslos durch – die Jury hatte ein äußerst kritische Haltung gegenüber allen Projekten, die im weitesten Sinne einen “Entwicklungshilfe-Ansatz” zeigten. Projekte, hinter denen westliche NGOs stehen, die in Entwicklungskontexten operieren, hatten einen sehr schweren Stand: hier war ein gewisses Misstrauen zu spüren, ob ihres möglichen “neokoloniastischen” Ansatzes. Auch Projekte, die von Organisationen, Kommunen oder Regierungen initiiert wurden (die in der Kategorie aber sehr wohl ihren Platz haben und explizit eingeladen werden mitzumachen), fanden keine Gnade und wurden als “top down” ausgeschieden – was meines Erachtens aber gewisse Rahmenbedingungen in anderen politischen und kulturellen Kontexten außer Acht lässt.

Eine spezielle Situation war dieses Jahr insofern gegeben, als rund um die “Arabischen Revolutionen” Social Media immer wieder als treibende Kraft dargestellt wurden und auch etliche Berater derartige Projekte bzw. involvierte Personen nominiert hatten, aber leider – aus nachvollziehbaren Gründen – keine Einreichungen kamen. Leider wurde auch ein japanisches Projekt, das Strahlungsdaten aus der Gegend um Fukushima erhoben hat, ausgeschieden. Das stellt die Frage, wie derartige Ad-Hoc-Communities in Zukunft zu behandeln sind – die Prix-Statuten für Digital Communities schließen sie ja fast aus (nur bereits bewährte Projekte, die ihre Nachhaltigkeit bewiesen haben, sollen berücksichtigt werden).

Eine Reihe von Projekten wurden auf nächstes Jahr “verschoben”, weil sie gerade erst gestartet hatten und noch zu unreif waren (PirateBox, Purpos/ed, Re-sourcing / Resourcement, SAD Surveillance Database, StorySpaces, Interactive Watershed, TinC, Todos somos dateros, Ubahnaufzug, witness labs).

Die Jury verbrachte dieses Jahr relativ viel Zeit damit zu klären, was eine Community überhaupt ausmacht und welche Kriterien anzuwenden sind.
Hier die Fragen, die sich die Jury bei der Begutachtung stellte:

  • What impact will/has the project create/ed within the specific context from which it emerged?
  • How will an award affect the project and the context from which it emerged?
  • How will the awarded project represented the best of the emerging trends and how does this reflect on Ars Electronica?
  • What is the project’s potential to remake and reflect on that community and it’s relations to other forms of power?
  • How critical and innovative were the modes of production, distribution and scalability of the project with the context from which it emerged?
  • How does the community become folded into technological design and production that enables contributions, participation and communication?

Ein Dilemma dieser Kategorie besteht darin, dass einerseits Einreichungen aus den verschiedensten geografischen, sozialen, kulturellen Kontexten gewünscht werden, aber letztendlich (fast) nur jene Projekte eine Chance haben, die aus einem Kontext kommen, mit dem zumindest eines der Jurymitglieder vertraut ist, vor allem in sprachlicher Hinsicht. Ein Projekt wie “Bloody Maps” hätte ohne Jurymitglied mit chinesisch-sprachigem Background (fast) keine Chance – auch wenn es von Beratern nominiert ist. Deswegen ist bei Digital Communities die Zusammensetzung der Jury noch owichtiger als in den andren Kategorien, auf dass wenigstens die wichtigsten Weltgegenden  vertreten sind – was nur bedingt gelungen ist dieses Jahr.

Für 2012 müssen ein paar Punkte überdacht werden, die die Organisation und Einreichungsmodalitäten betreffen:

  • Die Einreicher müssen präzisere Zahlen über ihre Projekte liefern (Timeline, User/Zugriffzahlen etc)
  • Die Frage, ob abgeschlossene Projekte, die aber über einen gewissen Zeitraum mit starker Community-Beteiligung stattfanden, Teil dieser Kategorie sein sollen oder nicht (betrifft in erster Linie künstlerische Projekte)
  • Ad-Hoc-Communities

Meine vollkommen unstrukturierten Notizen von Schlagworten …
//// code, ethnographic, computational culture, space, linking, information spreading, minority / majority, sustainability, social impact, limited resources, empowerment, criteria for measuring impact, profit for the group, originality, creativity, project context, activism, not only fun, diversity, minority cultures, language, gender, neo-colonialism, social good, sharing, transparency, open data, endangered, citizen, hacking, participation  ////

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